Remaraweng Boarisch

Sprachgeschichte

Der bairische Sprachraum

 
Heute müssen die bayerischen Schützen Gott sei Dank nicht mehr mit der Waffe gegen Feinde von außen verteidigen. Doch es drohen womöglich noch schwerere Gefahren. Viel Menschen seien entwurzelt und haben nie erfahren, was Heimat bedeutet, wie sehr ein Beheimat-Sein dem Menschen innere Sicherheit verleihen kann“

Papst Benedikt XVI

 

 

Bayerisch, Bayrisch oder Bairisch???

Das Bairische gehört zu den indoeuropäischen Sprachen. Es ist vom sogenannten „Standard-Deutsch“ ungefähr so weit entfernt wie das Friesische, Schwyzerdütsch oder Plattdeutsch. Sein Verbreitungsgebiet deckt sich im wesentlichen mit dem Staatsgebiet des Herzogtums Baiern im 9. Jahrhundert.

Der Begriff leitet sich von der Bezeichnung für die Bewohner dieses Gebietes - des mittelalterlichen Stamms der Bajuwaren stehen, ab.

Das Bairische ist der größte deutsche Dialektverband im Südosten des deutschen Sprachgebietes  (siehe Karte 2). Er umfasst die Regierungsbezirke Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz (also in Altbayern) im Freistaat Bayern, das gesamte österreichische Gebiet (mit Ausnahme Vorarlbergs und des Tiroler Außerfern, wo Alemannisch gesprochen wird) und Südtirol. (siehe Karte 3 und  Karte 4)

Die Mundart Bairisch wird nur in Altbayern (Altbaiern, d.h. in den  früheren Bestandteilen des Kurfürstentums Baiern, welche) der bayerischen Freistaats gesprochen – nicht dagegen in Schwaben und in Franken – sowie im größten Teil Österreichs (mit der Ausnahme Vorarlbergs und Tiroler Außerfern, wo Alemannisch gesprochen wird).

Im Freistaat Bayern werden drei verschiedene Dialekte gesprochen: Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch (siehe Karte 1).

Über die Hälfte der Sprecher des Bairischen leben außerhalb der Grenzen des Freistaates Bayern

– in Österreich, Südtirol sowie diverse Sprachinseln in Norditalien (in den Provinzen Belluno, Trient (z.B: Zimbrisch), Verona und Vicenza, Udine, wo archaische bairische Dialekte noch heute in Gebrauch sind), das südliche Vogtland im Freistaat Sachsen, Tschechien, Slowenien, Rumänien, in der Ukraine, Peru und Brasilien.

Die bairische Sprache (Bairisch, mundartlich Boarisch) ist daher keineswegs auf Teile des politischen Territoriums Bayerns (Altbayern) beschränkt. Was in Österreich – mit Ausnahme Vorarlbergs sowie in Teilen des Tiroler Außerfern – an Dialekten gesprochen wird, ist ebenso Bairisch, aber natürlich nicht Bayerisch. Das heißt ja, bis auf die alemannisch sprechenden Gebiete Österreichs ist "österreichisch" auch "bairisch".

Die Schreibweise des Landesnamens von der ursprünglichen Schreibweise  Baiern mit „i“  auf Bayern mit „y“ geht auf eine Anordnung Königs Ludwigs I. von  Oktober 1825 zurück. Der Ersatz von „i“ durch das „griechische ypsilon“ war Ausdruck für des Königs Philhellenismus (griechisch: „Freundschaft zum Griechentum“), da Ludwig ein glühender Verehrung für alles Griechische war. In der Sprachwissenschaft wird streng unterschieden zwischen bairischer Sprache bzw. Bevölkerung, welche mit „i“ geschrieben werden, und dem bayerischen Territorium, das mit „y“ geschrieben wird.

 

 

Karte 1 -  Dialektlandschaften in Bayern, Kleiner Bayerischer Sprachatlas (KBSA)
Grafik: M. Renn

 

Karte 2 - Bild- u. Textquelle: Das Neue Duden Lexikon, Mannheim 1989

Karte 3- Ungefähre Aufteilung der drei Haupt-Dialektgruppeng
Nord-Mittel-Südbairisch
   
             mit Übergangszonen im gesamten Bairischen Raum

 

Dialektlandschaften in Österreich und Südtirol

Karte 4 - Bild- u. Textquelle: Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika
(
Mittel und Südbairisch mit Übergangszonen)

 

Nord-, Mittel- und Südbairisch
 

Man unterscheidet innerhalb der bairischen Sprache zwischen drei Dialektgruppen: Nordbairisch wird in der Oberpfalz und im Donauraum gesprochen, Mittelbairisch in Ober- und Niederbayern sowie im größten Teil von Österreich, Südbairisch in Tirol und südlich der Ostalpen. Dazu kommen einige Sprachinseln in Oberitalien, wo archaische bairische Dialekte noch heute in Gebrauch sind.

 

Nordbairisch:

Nordbairisch wird im größten Teil der Oberpfalz, in den südöstlichsten Teilen von Oberfranken und Mittelfranken, im nördlichsten Teil von Oberbayern sowie im südlichsten Teil Sachsens (Südvogtland) gesprochen. In der südöstlichen Oberpfalz und im nördlichsten Teil von Niederbayern werden Mischformen aus Nord- und Mittelbairisch – sprachwissenschaftlich Nordmittelbairisch genannt – gesprochen. Durch den Spracheinfluß von München und die Dominanz der mittelbairischen Mundart ist die Stadt Regensburg zu einer mittelbairische Sprachinsel innerhalb dieses Raums geworden.

Das Nordbairische zeichnet sich vor allem durch die gestürzten Diphthonge (Zwielaute) und die diphthongierten mittelhochdeutschen (mhd.) Langvokale â, ô, ê und œ aus.

Zum Beispiel lauten die standarddeutschen Wörtern

Bruder, Brief und müde (monophthongierte Vokale)

auf Nordbairisch

Brouda, Brejf und mejd (zuerst Monophthongierung, danach erneute Diphthongierung)

Zum Vergleich heißt es im Mittelbairischen

Bruada, Briaf und miad.  

Weiter Beispiele für typische nordbairische Laute sind:

houd statt Mittelbairisch huat
für Hut

Broud, Bråud statt Brọd, Brọęd, Bręọ, Brọud, Brọud
für Brot

bruat, broit statt broat
für breit              
(mehr)

 

Mittelbairisch:

Mittelbairisch umfaßt den größten Teil von Niederbayern, Oberbayern (außer im Werdenfelser Land), im Süden der Oberpfalz, Wien, Niederösterreich, Burgenland, Oberösterreich, den Großteil von Salzburg und einen kleinen Teil der Steiermark. Das Tiroler Unterland, Salzburg (ohne den Flachgau), die Obersteiermark und das Burgenland bilden das südmittelbairische Übergangsgebiet.

Kennzeichnend für das Mittelbairische ist die Aussprache alter langer ê- und ô-Laute als Monophtonge beziehungsweise steigende Zwielaute: [See] "See" und [rååd], [rɔɔd] "rot", die Vokalisierung der l- und r-Laute: [Wåid] "Wald", [Beag] "Berg", [stüü] "still" und die Aussprache bestimmter Mitlaute als Lindlaute: [grång] "krank" und [beedln] "betteln".

Mittelbairische Mundarten spricht man im größten Teil von Ober- und Niederösterreich, in Wien und im Norden des Burgenlandes. Bis 1945 wurden mittelbairische Dialekte auch in den nördlich an Ober- und Niederösterreich anschließenden Gebieten von Südmähren, Südböhmen und im Böhmerwald gesprochen.

Das Mittelbairische läßt sich noch untergliedern in Westmittelbairisch (auch „Altbairisch“ genannt, was zum Teil irreführend ist, weil das Westmittelbairische bis weit in die Mitte Österreichs reicht)) und Ostmittelbairisch. Die ungefähre Trennlinie verläuft mitten durch Oberösterreich und verschiebt sich zunehmend Richtung Westen durch den starken Druck, der vom Wiener Dialekt ausgeht, allmählich westwärts zur Staatsgrenze zwischen Deutschland und Österreich hin.

Im westlichen Oberösterreich bis ungefähr zur Traun und im Salzburger Flachgau sowie teilweise in sprachkonservativen Regionen des niederösterreichischen Wald- und Mostviertels ist, wie im benachbarten Bayern, die altbairische Stammesmundart beheimatet (westmittelbairisch); die ansässigen Dialekte bilden mit dem angrenzenden Niederbayerischen einen Sprachverband (Donaubairisch). Anders als das Ostmittelbairische entstand sie auf dem Boden des alten Stammesherzogtums.

Isoglosse

Grenzlinie, die die geographischen Bereiche des Vorkommens bestimmter Züge einer Sprache umschließt bzw. voneinander trennt.

westliche Variante

östliche Variante

Standarddeutsch

ui vs. üü (mhd. ie, ahd. il):

vui, vii / fii

vüü / füü

viel

In bestimmten Regionen ist die alt­mundartliche Lautung für i + l, ü + l der Zwielaut èi. Hier fallen dann „Wild“ und „Welt“ in der einen Lautform Wèid zusammen. In anderen Gegenden, so etwa im Raum München, ist dafür seit alters her ui geläufig. Von dort aus hat sich diese Lautung ausgebreitet; sie gilt als städtisch und feiner (mehr).

Schbui, schbuin

Schbiin, schbiin

Schbüü, schbüün

Spiel, spielen

å vs. oa (< ahd. ar):

i få, mia fåma

i foa, mia foan

ich fahre, wir fahren

 

håt, heata

hoat, heata

hart, härter

 

Gfå, gfâli

Gfoa, gfeali

Gefahr, gefährlich

o vs. à (< ahd. au):

i kàf, mia kàffa(n)

i kòf, mia kòffa(n)

ich kaufe, wir kaufen

öl

Ee

Öö

Öl

el

(hin)scheen

(hin)schöön

(hin)stellen

 

Südbairisch:

Das Südbairische erstreckt sich über den Hauptteil der Steiermark, über ganz Kärnten und den größten Teil von Tirol (inklusive Südtirol), umfaßt aber auch die südlichste Spitze des Burgenlandes und Teile von Salzburg. Einige österreichische Bundesländer gehören also nicht einheitlich einem der beiden großen Mundartgebiete.

Kennzeichnend für das Südbairische ist die Aussprache alter langer ê- und ô-Laute als fallende Zwielaute ea und oa: [Sea] "See" und [roat] "rot", die Erhaltung der l- und r-Laute im In- und zumeist auch im Auslaut: [Wåld] "Wald", [Perg] "Berg", [still] "still" und die Aussprache bestimmter Mitlaute als ausgeprägte Starklaute: [khrånkh] "krank" und [pettln] "betteln".

Die in der hochdeutschen Lautverschiebung aus k entstandene Affrikate kχ ist sekundär auf das Gebiet des westlichen Südbairischen und des Hoch- und Höchstalemannischen zurückgegangen. Im Alemannischen ist in weiterer Folge das anlautende k geschwunden, so dass die Affrikate im Anlaut nunmehr ein typisches Kennzeichen vor allem des Südbairischen ist.

 

Vor allem die Sprachgrenzen zum alemannischen und fränkischen Raum folgen nicht immer den politischen Grenzen.

Beispiele dafür:

*       Im Altlandkreis Aichach im Regierungsbezirk Schwaben wird Bairisch geredet;

*       dafür spricht man am oberbayerischen Lechrain ein Bairisch mit alemannischen Anklängen;

*       im Nordwesten, z.B. im Landkreis Neumarkt, wurde die Sprache, wegen der Nähe zum Großraum Nürnberg, fränkisch gefärbt;

*       im Norden gehören auch Teile Oberfrankens, um Wunsiedel und Marktredwitz, zum bairischen Sprachraum;

*       und auch im Südtiroler Vinschgau ist ein alemannischer Einfluß unüberhörbar.

 Weitere Beispiele und Informationen:        

F     Ausdrucksmöglichkeiten für das Pronomen „euch“ (Karte „eich/eng“) sowie
wie man in den verschiedenen Gegenden Bayerns die von einem Balken oder von einem Baumast hängende Schaukel benennt (Karte „Hängeschaukel“) –  externe Verknüpfung), von
Kleiner Bayerischer Sprachatlas“ (KBSA) präsentiert von Manfred Renn (Universität Augsburg)

F     Wo spricht man in Bayern Bairisch? – Mundartforschung an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

F     Österreichisches Deutsch – Österreich ist (mit Südtirol) „mehr bairisch“ als Bayern, aber allen bairischen Regionen droht die binnendeutsche sprachliche Überlagerung von Norden her.. (Beitrag von Prof. H. D. Pohl, Uni. Klagenfurt)  

  

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Seite zuletzt aktualisiert am 18. September 2015

 

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